Mein Sohn kam 1998 zur Welt und wie jede Mutter fand ich, dass er das schönste Baby der Welt war. Alles war in Ordnung ausser dass mein Sohn ein Schreikind war, wie so viele Kinder auch, aber nach 3 Monaten Koliken war auch das überstanden. Das er sehr früh anfing zu sprechen und mit ½ Jahr nicht mehr im Kinderwagen liegen wollte, schließlich ist die Welt da draussen viel interessanter als den Himmel des Kinderwagens zu bestaunen, ist nachzuvollziehen. Mein Sohn lief bereits mit einem Jahr, endlich kam er überall hin und entdeckte die Welt. Jede Ritze musste untersucht werden, was häufig den Verlust eines Fingernagels bedeutete, weil er sich mal wieder die Finger in eine Tür, Schublade etc. gezwickt hatte. Von den vielen Beulen ganz abgesehen. Bis dahin dachte ich, alles ganz normal, sehr anstrengend aber auch schön. Man muss dazu sagen, auch ich war in meiner Kindheit sehr aufgeweckt und konnte kaum still sitzen oder stehen, noch heute erinnere ich mich wie meine Eltern genervt waren und immer sagten: „Bleib doch einfach mal still sitzen“, wenn das so einfach wäre dachte ich mir damals. Diesen Satz wollte ich nie zu meinem Kind sagen aber es gelang mir nicht. Einmal blinzeln dauerte schon zu lange, mein Sohn war in dieser 10tel Sekunde entweder in der Menschenmenge verschwunden, hinter oder unter einem Kleiderständer, im Schwimmbad oder am Meer hinter einer Welle oder in der Masse der orangen schwimmflügeltragenden Generation. Du blinzelst und suchst sofort wieder dein Kind. Mein Sohn fand alles spannend. Kluge Kommentare von Eltern mit Kindern, welche stundenlang im Buggy saßen, wie:“versteck dich doch einfach“, gingen mir auf die Nerven. Wenn ich mich versteckte, konnte ich bis Ladenschluss in meinem Versteck bleiben, mein Sohn fand alles spannend, er redete mit 3 Jahren einfach die Leute an, z.B. „Hallo wo kommt ihr her“. Die Leute waren total erschrocken und fragten natürlich „Wo ist denn deine Mami?“ Mein Sohn meinte ganz entspannt: „Ich weiß nicht, gerade war sie noch irgendwo da hinten. Die Leute waren entsetzt über so eine Rabenmutter. Ich verließ mein Versteck, klärte die Situation bevor sie mich ausrufen ließen. Mein Sohn hatte keinerlei Angst. Ich wollte ihm nicht erzählen, dass es böse Menschen gibt, ich wollte dass er seine Welt mit seinen Augen wahrnimmt und Vertrauen hat in sein Leben. Mein Sohn ging mit 3 Jahren in den Kindergarten und da ging das ganze Drama los, plötzlich beurteilen andere Menschen dein Kind und versuchen ihn der Norm anzupassen. Es dauerte kein halbes Jahr bis die Leiterin des Kindergartens wo wir damals wohnten, kam und mir sagte: „Also Frau M., dass mit ihrem Sohn ist nicht normal, er ist ständig schnell unterwegs, rennt dadurch auch häufig andere Kinder um, so kann das nicht weitergehen. Sie hätte schon Kinder die Ritalin nehmen und mein Sohn war auch ein Kind welches dringend Ritalin braucht. Ich total verzweifelt, versuchte mich zu erklären, dass wir erst eine Trennung von Papa hinter uns hatten, die mir und wahrscheinlich auch meinem Kind nicht leicht fiel. Mein Sohn kann aber bis heute seinen Papa sehen wann er möchte. Alles was mein Sohn machte war komisch, nach Meinung der Kindergärtnerin. Ich fing an Bücher zu lesen, alles was ich finden konnte, Bücher über ADHS, Kindererziehung, Kinderpsychologie, etc. Meine Kinderärztin sagte nach der U8-Untersuchung dass er den Test überdurchschnittlich gut bestanden hätte aber sie stellte eine Bewegungsunruhe fest. Sie meinte es handelt sich um eine Wahrnehmungsstörung. Mein Kind nimmt z.B. beim Einkaufen nicht nur viele Menschen wahr, sondern Menschen mit roten, blauen, grünen Pullovern und das macht ihn dann total unruhig. Damals fiel auch ADHS. Jetzt hatte ich zwar eine Diagnose aber hilft das denn wirklich…..Nein – mein Kind war anders!!! Ich fand meine eigene Diagnose und dachte warum muss es denn Wahrnehmungsstörung heißen und nicht einfach hohe Wahrnehmungsfähigkeit, klingt doch viel besser. Für mich sind es besonders empfindsame Kinder und wir müssen ganz besonders mit ihnen umgehen. Die Kindergärtnerin meinte mein Sohn könne die nächsten Jahre die Schule nicht besuchen, nicht mit dieser Unruhe. Ich schickte ihn früher als angedacht in die Schule und er war stets einer der besten Schüler. Natürlich war es auch in der Schule schwierig, er lag quer über dem Tisch, sobald er nicht gefordert wurde, wurde ihm langweilig. Ich habe nun 12 Jahre mit diesem tollen Menschen verbringen dürfen und könnte euch noch stundenlang Anekdoten erzählen über diesen, nicht ganz einfachen Weg. .... Nun kommen aber Mutmach-Sätze. Ich erkannte nach all den gelesenen Büchern und dem genauen Beobachten meines Sohnes was wirklich wichtig ist für diese Kinder, nennen wir sie „Kinder der neuen Zeit“. Es sind besondere Kinder. Was diese Kinder ganz aus der Ruhe bringt ist alles was hektisch oder laut ist. Länger vor dem Fernseher, Play Station etc. ist Gift für diese Kinder. Wir haben sowas garnicht. Fernsehen wird ganz genau dosiert. Nach dem Fernsehen versuchen wir zu meditieren, spazieren zu gehen, damit er wieder geerdet wird und seinen Kopf frei bekommt. Die Natur ist für diese Kinder sehr wichtig. Ich habe viel mit ihm gespielt, versucht Freiräume zu schaffen, wenn er im Kindergarten oder in der Schule war, brauchte er 1-2 Stunden danach Ruhe und das wollte er auch. Er legte sich auf mich und sagte immer: „Mami gibst du mir ruhige Energie“. Es hat funktioniert und wir machen es heute noch öfters, obwohl er jetzt schon sehr gut selbst meditieren kann. Ein anderes Problem ist Zucker, Süßigkeiten sind Stress pur für diese Kinder, noch schlimmer ist Cola. Auch heute noch wenn mein Sohn Cola trinkt ist er selbst am nächsten Tag noch total hibbelig. Phantasiereisen sind ganz wichtig. Kinder können so bewusst ihren Körper wahrnehmen, wenn sie sich vorstellen, wie sie barfuß im Sand laufen und die Wärme spüren, diese Kinder haben eine ungeheuere Vorstellungskraft und eine Weisheit, die den meisten Erwachsenen fehlt. Jonglieren ist für diese besonderen Kinder ganz wichtig, damit regen sie beide Gehirnhälften an, meistens arbeitet eine Gehirnhälftet viel zu stark und die andere kaum. Das wichtigste aber ist, dass wir ehrlich sind mit unseren Kindern, diese Kinder spüren ein Problem, bevor wir es merken. Also ehrlich sein, auch wenn es weh tut, diese Kinder können sehr viel verstehen. Wenn mein Sohn mir heute sagt, Mama mach das so oder so, kann ich mich tausendprozentig darauf verlassen, dass es der richtige Weg ist. Er weiß Menschen einzuschätzen besser als jeder Psychologe und er sieht mit ganz anderen Augen die Menschen und die Welt. Hören Sie ihrem Kind zu, nehmen Sie es ernst und sagen Sie nicht immer dass es krank ist. Ich glaube es hat nur feine Sensoren, die auch schnell überlastet sein können, mit diesem Wissen aber kann man diese Sensoren für viele tolle Dinge nutzen. Gesunde Ernährung, wenig Fleisch und das wichtigste: Liebe, ganz viel Liebe. Glauben Sie an ihr Kind, geben Sie ihm Halt und Wärme. Ich gebe zu, es ist nicht immer einfach und wenn Ihnen mal die Nerven durchgehen und Sie schreien, sagen Sie danach einfach, dass es Ihnen leid tut, das brauchen diese „sehr sensiblen Menschen“ am dringendsten. Sie verstehen, wenn man auch mal ausflippt aber es ist alles wieder gut, wenn wir ihnen erklären warum das gerade passiert ist und dass wir sie trotz allem lieben. Ich hab mir für mein Kind sehr viel Zeit genommen. Ich habe nur vormittags gearbeitet und mir Arbeit mit nach Hause genommen um nachts wenn mein Sohn im Bett war weiterzuarbeiten. Alles nicht einfach, man geht manchmal oder fast immer, an seine Grenzen aber es lohnt sich. Seit mein Sohn im Gymnasium ist, ist er einer der besten Schüler, er bekam ein Stipendium der Uni Heidelberg angeboten für Mathematik. Dieses Stipendium bekommen in Deutschland und in deutschsprachigen Schulen im Ausland, nur 1500 Schüler. Bis jetzt zieht er es durch, weil er möchte. Wenn ich merke, dass es zuviel wird, hören wir damit auf. Denn nach wie vor gilt für meinen Sohn, Ruhe, Natur, viel reden, Meditation, Indianer spielen im Wald oder einfach nur kuscheln. Geben Sie die Entscheidungen über ihr Kind nicht ab, gehen Sie nach ihrem Gefühl, Sie sind Mama oder Papa und Sie haben die Verantwortung für ihr Kind. Treffen Sie gemeinsam eine Entscheidung. Licht und Liebe!
Mein Leben mit einem (angeblichen) ADHS-Kind...
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